Tetje Mierendorf ist Schauspieler, Moderator, Autor, Comedian und Synchronsprecher. Bekannt wurde er unter anderem durch die SAT 1 Doku-Soap „Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter“. Zu diesem Zeitpunkt wog Tetje 180kg bei einer Körpergröße von 1,97m. Inzwischen hat er 68kg abgenommen. Hier berichtet Tetje, was ihn dazu motiviert hat, was schwierig und was hilfreich war und warum es Schwachsinn ist, 10kg in 2 Wochen abnehmen zu wollen.

Tetje, man kennt dich aus sehr vielen unterschiedlichen Bereichen und bist bekannt dafür, dass du fast 70kg abgenommen hast. Was hat dich dazu bewogen deinen Gewichtsverlust publik zu machen, mit anderen Menschen zu teilen und diese motivieren zu wollen?

Dass mein Gewichtsverlust öffentlich wurde, ließ sich eigentlich kaum verhindern. Während der Zeit meiner Gewichtsreduktion stand ich 8x die Woche auf der Musicalbühne und dabei ist den Leuten schon aufgefallen, dass ich an Gewicht abnahm. So richtig publik wurde das Ganze aber, als ich bei einer Musicalpremiere auf dem roten Teppich darauf angesprochen wurde. Danach ging es dann groß durch die Presse und ich wurde in Talkshows eingeladen. Ich wollte das nutzen um anderen Menschen Mut zu machen, dass sie in ihrem Leben was verändern können, wenn sie die richtigen Entscheidungen treffen und die richtige Motivation finden. In meinem Fall war das meine Tochter. Als sie 2 Jahre alt war, wollte ich etwas in meinem Leben verändern, um noch lange für sie da sein zu können. Ausschlaggebend dafür war ein Lebenserwartungstest, den ich im Internet gemacht hatte und der mir eine verbleibende Lebenserwartung von 2 Jahren prognostizierte.

Danach hatte ich einen Traum in dem ich meine Tochter auf einem Fahrrad davonfahren sah und der Familienvater, der neben ihr stand, der war nicht ich. Das war ein nachhaltiger Schock. Als ich an dem morgen aufwachte, wusste ich, dass ich was ändern muss. Und das habe ich gemacht. Jetzt möchte ich anderen Menschen Mut machen. Wenn ich es schaffe, nach 30 (?) Jahren Fettleibigkeit mein Leben umzukrempeln, Verantwortung zu übernehmen, 68kg zu verlieren, dann kann das jeder schaffen! Wenn man sich die richtigen Ziele setzt, die richtige Motivation findet und bereit dazu ist, sich mit sich selber auseinanderzusetzen, ist alles möglich.

Tetje Mierendorf
Foto: Tanja Hall

Du bist also davon überzeugt, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, sein Leben in die Hand zu nehmen und das Übergewicht in den Griff zu bekommen. Man muss sozusagen nur den ersten Schritt machen – die Reise beginnen – und einen guten Start für sich finden. Was war das bei dir?

Ganz am Anfang wollte ich mich erst mal mit mir selber auseinander setzen und die Gründe für mein Essverhalten analysieren. Ich wollte dafür psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, allerdings waren die Praxen überlaufen und ich habe keinen Platz bekommen. Dann suchte ich Hilfe in einer Adipositasklinik, dort wurde mir allerdings sofort eine OP angeraten und keine psychologische Hilfe geboten. Ich kam also an den Punkt, wo ich dachte, ‚ok, dann muss ich das alleine schaffen‘. Ich habe mich auf eine Parkbank gesetzt und angefangen über mich und mein Leben nachzudenken. Dabei ist mir klar geworden, dass es eigentlich egal ist, wie ich an diesen Punkt gekommen bin. Dass es keine Rolle spielt, wer oder was schuld daran ist, dass ich so dick geworden bin. Denn die Verantwortung, ob es so bleibt oder nicht, die lag ganz alleine bei mir selbst. Kein Arzt, Freund oder Kollege konnte mir die Arbeit und die Entscheidungen abnehmen, wie ich mich im Alltag verhalte, was ich esse, wie viel Sport ich mache, usw. Diese Erkenntis war ein großer, auch tränenreicher Schritt für mich, da ich mich jahrelang hinter der Annahme versteckt hatte, dass alle anderen und die Umstände Schuld an meinem Übergewicht waren und ich selber ja gar nichts ändern kann.

Ich habe dann versucht, mein Gewichtsproblem von mehreren Seiten aus anzugehen. Ich habe mir Hilfe geholt, was nicht selbstverständlich war, habe mir einen Trainer gesucht und habe mir vor allem auch ein klares Ziel gesetzt. Ich habe dann von heute auf morgen komplett auf Zucker verzichtet. Ob ich das heute nochmal so machen würde, weiß ich allerdings nicht (lacht). Aber ich musste mich eben auch erst mal vom Zucker entwöhnen, denn vor allem Süßes hatte ich oft unkontrolliert in mich reingestopft. Ich hab manchmal am Tag bis zu vier Tafeln Schokolade gegessen. Natürlich war mir klar, dass das nicht gesund sein kann. Trotzdem musste ich zuerst diese Entscheidung treffen ‚ich pack das jetzt an‘. Gewicht zu verlieren ist ein verdammt weiter und langer Weg, der aber mit einem ersten Schritt beginnen muss.

Ich hatte mich dabei auch gefragt, ob ich mir ein Leben ganz ohne Schokolade vorstellen kann und die Antwort war für mich ganz klar ‚nein‘. So weiter zu machen, bedeutete aber auch, ein kürzeres Leben einfach in Kauf zu nehmen. Ich habe mir vorgestellt wie es wohl für meine Tochter wäre, in einigen Jahren Halbwaise zu sein. Das war für mich natürlich die größte Motivation. Davor war ich nur für mich selbst verantwortlich. Jetzt hatte ich eine Familie für die da sein und die versorgen wollte.

Ich hab also 2 Wochen Zuckerentzug gemacht und danach angefangen meinen Alltag zu ändern und mich auf andere Dinge als das Essen zu fokussieren. Dadurch hatte ich dann auch wieder Ressourcen frei. Es hat sich nicht mehr alles darum gedreht wann und wo ich als nächstes was zu essen bekomme, wo der nächste Kiosk ist, zum Beispiel. Dadurch war mein Kopf freier, ich hatte mehr Energie für andere Dinge. Das war für mich eine bahnbrechende Erkenntnis.

Für was für Dinge denn?

Ich war konzentrierter, konnte mich besser auf ein Buch konzentrieren, war nicht so leicht ablenkbar. Vor allem von Gedanken an Essen oder Schokolade und dass ich was zu essen brauche. Dabei musste ich Hunger aber erst mal wieder neu erlernen, musste merken, dass Verlangen und Appetit nicht gleichzusetzen sind mit echtem Hunger und dem Bedarf, Nahrung aufzunehmen. Das war aber ein langer Prozess.

Was war in diesem langen Prozess für dich die wichtigste Erkenntnis?

Dass es eigentlich gar nicht ums Essen geht, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, die eigene Persönlichkeit zu bilden und zu entwickeln. Ich habe mich jahrzehntelang so verhalten, wie ich dachte dass man es von mir als Dickem erwartet und war dabei nicht wirklich ich selbst.

Auf deiner Website steht ja auch, dass du oft die Rolle des ‚lustigen Dicken‘ übernommen hast.

Genau. Ich hab der Gesellschaft das gegeben, was ich dachte, dass sie von mir erwartet. Ich habe meinen Platz schon in jungen Jahren gefunden, habe das Klischee des lustigen Dicken bedient, was mein Umfeld auch gerne so angenommen hat. Ich habe damit ja auch einen Job gefunden und Geld verdient. Das war auch alles in Ordnung, aber es war halt nicht der echte Tetje. Die Findung meiner eigenen Persönlichkeit, das war also die wirkliche Aufgabe. Und dafür musste ich mich jeden Tag aufs Neue entscheiden. Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Als ich angefangen habe, musste ich mich immer wieder dazu aufraffen, mich immer wieder dafür entscheiden zu trainieren. Es hat über ein Jahr gedauert, bis der Sport ein Bestandteil von mir und meinem Leben geworden ist. Und dann war er aus meinem Alltag plötzlich nicht mehr wegzudenken und gehörte zu mir dazu. Darüber habe ich dann auch zu einer gesünderen Ernährung gefunden und gelernt, mehr auf die Bedürfnisse meines Körpers zu achten. Am Ende teilt uns unser Körper immer mit, was er gerade braucht bzw. was ihm fehlt.

Dein Weg bestand also aus vielen kleinen Entscheidungen im Alltag, die du immer wieder bewusst für dich treffen musstest.

Richtig. Es ist nicht eine große Entscheidung die man trifft. Erfolg ist eine lange Kette von aneinandergereihten kleinen Entscheidungen.

Was hat dir denn geholfen immer wieder die richtigen kleinen Entscheidungen zu treffen? Schließlich ist der Alltag voll von Verlockungen, die einen dann doch wieder in alte Muster zurückfallen lassen.

Ich habe gemerkt, dass ein voller Bauch die schnellste Möglichkeit für mich war, eine Verbindung zwischen Körper und Geist herzustellen. Mir fehlte das Gefühl, den Körper zu spüren. Und dieses Gefühl habe ich durch viel Essen hergestellt. Wenn ich jetzt merke, dass ich Heißhunger habe oder das Bedürfnis einfach irgendwas zu essen, dann bewege ich mich, mache Sportübungen. Das hilft mir, wieder eine Verbindung zu meinem Körper zu schaffen und mich wieder zu spüren. Uns selbst wenn man dann doch mal einen ‚Ausrutscher‘ hat und den Schokoriegel futtert, ist das nicht schlimm. Damit hadere ich dann nicht lange. Das würde sonst würde nur zu weiterer Frustration führen und das ist Schwachsinn. Und führt eventuell sogar dazu, dass man dann noch mehr essen will. Während meiner Gewichtsreduktion habe ich auf meine Energiezufuhr geachtet, hatte am Ende des Tages meine Energiebilanz im Blick. Dadurch habe ich inzwischen gut im Blick, was ich mir leisten kann und was nicht. Da ist dann auch mal ein Snickers Riegel drin und das ist dann auch OK so.

Damit hat sich ja auch die Frage erübrigt, die du dir ganz am Anfang selbst gestellt hattest – nämlich ob du dir ein Leben ganz ohne Schokolade überhaupt vorstellen kannst.

Ja, ich esse wieder Schokolade, Süßigkeiten und Zucker. Aber ich kann inzwischen auch nach ein paar Stückchen Schokolade wieder aufhören und will dann auch gar nicht mehr davon. Dass ich darauf Heißhunger habe, kommt auch viel seltener vor. Ich freu mich jetzt auch über Gemüse und über andere gesunde Sachen. Es hat sich verschoben, denn es geht jetzt nicht mehr um die Masse, sondern darum die Dinge bewusst zu genießen. Ich esse jetzt zum Beispiel auch viel mehr hochwertige Schokolade und habe bei vielen herkömmlichen Sorten das Gefühl, dass sie völlig übersüßt und überzuckert sind.

Also auch hier wieder eine schrittweise Umgewöhnung in deinem Alltag.

Absolut. Es geht auch darum Bewegung im Alltag zu integrieren. Ich habe zum Beispiel den Eindruck, dass die Menschen verlernt haben zu Fuß zu gehen. Wir fahren Aufzug, nehmen die Rolltreppe oder gerade ganz aktuell den E-Scooter. Und wozu gibt es Rolltreppen denn überhaupt? Man kann ja wohl mal eine Etage zu Fuß gehen und für Menschen, die dazu körperlich nicht in der Lage sind, gibt es ja dann noch den Aufzug. Rolltreppen sind also eigentlich völlig unnötig und belasten dazu auch noch die Umwelt. Ich finde es wichtig, sich da auch mal zurückzubesinnen, Dinge in Frage zu stellen und sich selbst zu fragen, was könnte auch zu Fuß erledigt werden? ‘. Wie kommt es, dass wir diese Masse an Wissen zur Verfügung haben, aber gleichzeitig immer dicker werden. Wie kann es sein, dass starkes Übergewicht weltweit inzwischen mehr Probleme verursacht als Hungersnot? Das ist übrigens zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte so.

Tetje Mierendorf
Foto: Tanja Hall

Das sind schwierige Fragen und zeigen auch, wie aktuell und weitreichend die Problematik von starkem Übergewicht ist. Und trotzdem herrscht oft noch die Annahme, dass die Menschen selber schuld sind an ihrem Gewicht und doch ‚einfach‘ mal disziplinierter sein sollen.

Es ist nicht so einfach. Wäre es einfach, hätten wir diese Problematik nicht. Und ich weiß ja, was in den Köpfen vieler Menschen vorgeht wenn es um Übergewicht geht. Ich habe ja auch ein Buch zu dem Thema geschrieben und Vorträge dazu gehalten. Danach habe ich viele positive Reaktionen bekommen. Menschen kamen auf mich zu und sagten ‚ja, du triffst den Nagel auf den Kopf‘. Ich sage es wieder, man muss sich mit sich selbst auseinandersetzen. Natürlich gibt es auch Fälle in denen man aufgrund von Krankheiten oder Behinderungen nichts am Gewicht ändern kann. Hier ist bariatrische Chirurgie dann vielleicht der letzte Ausweg aus dem starken Übergewicht. Bei vielen Menschen ist es aber so, dass sie grundlegend was ändern müssen. Da muss im Grunde das ganze Leben Schritt für Schritt neu aufgebaut werden. Man muss sich die Frage stellen, welche Funktion das Essen für einen hat. Ist es dann zum Beispiel der Beruf, der einen daran hindert Ziele und Wünsche im Leben umzusetzen, sollte man darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre den Beruf zu wechseln. Das sind weitreichende Einschnitte, ich weiß. Aber Gewicht zu verlieren ist Arbeit und dazu muss man dann auch bereit sein. Alle wollen schlank sein, niemand will abnehmen. Es gibt so viele Mittelchen und Methoden, die einem suggerieren, dass es ganz einfach ist und ganz schnell gehen kann, abzunehmen – ‚verlieren Sie jetzt 10 kg in 2 Wochen‘. Das ist Schwachsinn und hat nichts mit gesundem Gewichtsverlust zu tun! Ganz oft werde ich gefragt, wie lange ich gebraucht habe, um das ganze Gewicht zu verlieren. Aber darum geht es nicht. Wenn man Gewicht verlieren möchte, muss man langfristig dafür arbeiten und das ist ein langer und steiniger Weg. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Was würdest du den Menschen denn auf diesen steinigen Weg mitgeben wollen? Vor allem solchen Menschen die sich noch am Anfang befinden oder denen es manchmal schwer fällt dran zu bleiben.

Findet eure ganz eigene und persönliche Motivation. Fragt euch, was euch wichtig ist im Leben und welche Spuren ihr hinterlassen wollt. Und dann übernehmt die Verantwortung für euch selbst. Es muss nicht so sein, aber es ist wahrscheinlich, dass man mit starkem Übergewicht früher stirbt und viele gesundheitliche Probleme hat. Ich wollte nicht am Ende meines Lebens ans Bett gefesselt an eine Zimmerdecke starren und denken ‚ach hätte ich doch bloß…‘. Jeder ist es wert, sich um sich selbst und seinen Körper zu kümmern